• Feiste Bücher Podcast

    Feiste Bücher 81: „Treue“ von Hernan Diaz (jetzt wirklich)

    Hernan Diaz gilt als ein Autor, der Mythen zertrümmert. Ging es in seinem ersten Roman „In der Ferne“ um den US-amerikanischen Westen, nimmt er uns in „Treue“ mit in die Welt des Finanzkapitals, in der Geld zu immer mehr Geld wird und einzelne Menschen damit die Macht erlangen, den Lauf der Welt, ja, die Wirklichkeit zu manipulieren.

    Am 6. September könnt ihr herausfinden, ob er es auf die Shortlist vom Man Booker Prize geschafft hat.

    „Treue“ von Hernan Diaz ist bei Hanser Berlin erschienen. Hannes Meyer hat die 416 Seiten aus dem Englischen übersetzt. Das Hardcover kostet 27 Euro.

    Links: https://www.vanityfair.com/style/2022/05/hernan-diaz-on-his-new-novel

    https://www.nytimes.com/2022/05/07/books/review/podcast-hernan-diaz-trust-paul-fischer-man-who-invented-motion-pictures.html

    https://www.kirkusreviews.com/news-and-features/articles/hernan-diaz-enters-the-labyrinth-of-capital/

    Schon heute könnt ihr erfahren, welche 20 Bücher auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehen. Ich habe dieses Jahr die Ehre, eines der Longlist-Bücher als Patin zu begleiten.

    Und weil „Feiste Bücher“ spätestens an diesem Dienstag, den 23. August, die 100.000-Listenings-Marke erreicht, verlose ich drei mal ein Buch:

    Mailt mir euer Wunschbuch mit eurer Adresse an feistebuecher@gmx.de oder macht auf Insta mit, da schreibe ich die Verlosung am Mittwoch aus.

    Feiste Bücher 74: Bettina Flitner „Meine Schwester“

    Die Fotografin Bettina Flitner spürt in ihrer autofiktionalen Erzählung dem Leben ihrer Schwester nach und taucht tief in die gemeinsame Familiengeschichte ein. 2017 hat sich die Schwester das Leben genommen, wie 33 Jahre zuvor die Mutter. Doch es geht um mehr, als um das wichtige Thema Depression, Flitner erzählt von der Sehnsucht nach Aufbruch in den 60er- und 70er-Jahren, es geht um weibliche Abhängigkeit und um eine Selbstbefreiung — verwoben mit heiteren Momentaufnahmen der Geschwisterliebe. Für mich bisher eines der besten Bücher des Jahres!

    „Meine Schwester“ von Bettina Flitner ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Das Hardcover hat 314 Seiten und kostet 22 Euro.

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    Feiste Bücher 73, vorgelesen: „Brandwunden“ von Claire Keegan, aus: „Liebe im hohen Gras“

    Die Kurzgeschichten der irischen Autorin Claire Keegan haben meine Erwartungen immer wieder unterlaufen. „Liebe im hohen Gras“ heißt der Band mit gesammelten Erzählungen, die zum Teil schon 1999 veröffentlich wurden, doch die darin kondensierten Gefühle, sind heute so wahr wie damals. Es geht um Menschen mit Beharrungskräften, die manchmal über dem Hoffen ihr Leben „verwarten“, was Keegan in der titelgebenden Geschichte mit fast heiterer Melancholie erzählt. Und es gibt die anderen, die das alte Leben und die alten Lügen abstreifen, wie die kleine Schwester, die zu etwas Neuem aufbricht und den Bruder mit seinen viel zu späten Hilfsangeboten und seinem schlechten Gewissen zurücklässt. Es gibt die frivole Geschichte „Antarktis“, die fast zu schön beginnt — da habe ich mich gefragt, welchen Twist Keegan dem Abenteuer ihrer Heldin heute geben würde? Und ich lese euch diesmal die still und leise erzählte Geschichte „Brandwunden“ vor, bei der ich die ganze Zeit fürchtete, sie kippt. Das tat sie dann auch, aber ganz anders, als ich mir hätte ausmalen können. Lasst euch überraschen!

    „Liebe im hohen Gras“ von Claire Keegan ist bei Steidl erschienen. Hans-Christian Oeser und Inge Leipold haben die 23 Erzählungen aus dem Englischen übersetzt. Das Hardcover hat 416 Seiten und kostet 24 Euro.

    Im März erscheint die Novelle „Kleine Dinge wie diese“, ebenfalls bei Steidl.

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    Feiste Bücher 71: Meine Oma, eine Geschichtenerzählerin

    Meine Oma war bekannt für ihr Strickkünste (s. Foto). Aber sie war eine mindestens ebensogute Geschichtenerzählerin und -sammlerin (hört die Folge;-). Sie konnte beobachten. Oft selbst zurückgenommen hat sie viel mitbekommen. Man konnte sich ihr gut anvertrauen, denn sie hatte immer ein offenes Ohr und viel Verständnis. Da hat sie oft meinen Opa zitiert, den ich selbst nicht kennen gelernt habe, für den ein wichtiges Credo war: Leben und leben lassen!

    Und sie war für jeden Spaß zu haben. Wie ihr auf dem Foto vielleicht ahnt. Ihre Augen waren zunehmend licht- und windempfindlich und so trug sie bei ihren Spaziergängen mit dem Rollator die alte Fahrradbrille meines Vaters und oft einen Hut, was ihr etwas Verwegenes gab — und was viel mehr von ihr einfing, als manche ahnten.

    Sie hat lange gelebt. 99 2/3 Jahre. Weihnachten ist sie gestorben. Diese Folge ist ihr gewidmet, meiner Oma Klara Feist. Sie wird darin auch selbst zu Wort kommen.

    Das schlesische Mundart-Gedicht „Dar Biese Troom“, das sie in dieser Folge frei rezitiert, ist von Ernst Schenke. Hier ist der Text:

    Dar biese Troom

    Grusses Schlachtfest woar gewast.
    Endlich is der Obend do, olle Kotza wur a groo
    und der Kolle kruch eis Nast.
    Vullgesackt sei Baeuchla waor, denn a hatte gutt gestuppt
    Wellfleisch, Wellwurscht, Plimpelwurscht,
    viel getrunka und gesuppt.
    Wies halt ies ei sichta Taga, obends leit em olls eim Maaga.
    Kolles Maaga dar woar vul und dem Kolle woar ne wuhl.
    De Nacht woar schworz wie Pech und Room,
    a Kaeuzla uffm Dache rief und wie der Kolle endlich schlief,
    do hot ar goar nen biesa Troom:

    Ging der Wind eim Ufariehre, kloopt woas on de Stubatiere?
    Koama lauter – ees, zwee, drei – lauter fette Schweinla rei,
    ’s woar a ganzes Uufgebote, hoatte lange Masser miete,
    lauter Schweinla, lauter fette, koama uff zwee Benn geloofa,
    koama olle bis oans Bette, wu dar Kolle und toat schloofa.
    Zeigta blanke Masserklinga, finga olle on zu singa:
    Kolle, Kolle, Kolle, Kolle, Kolle jitzt werscht du geschlacht‘
    und aus dir werd Wurscht gemacht.

    Jitzt fing doas erschte on zu sprecha:
    Nuck, nuck, mer warn a bale stecha.
    Und wie doas erschte und hoatta geredt,
    do meente doas zweete, ar is hibsch fett,
    do daecht icht wull, is waer doas beste,
    mer machta Wurscht und zwoar gepresste.
    Do sproach doas dritte: sis gutt, surgt ok ver Blutt, surgt ok Ver Blutt.
    Doas erschte sproach: Woas mach denn aber
    mit dann Nierlan und mit der Laber?
    Do sproch doas zweete: Doas macht keene Miehe,
    doas kimmt olles ei de Briehe.
    Dann sproch das dritte: Macht kee Gelaerme, macht kee Gelaerme,
    surgt ok ver Daerme, surgt ok ver Daerme.
    Do finga se olle zu grunze oan, Faerme werd a wull salber hoan.
    Do sproch doas erschte: mer wern ins setza,
    Masser wetza, Masser wetza.
    Und wie se und hoatta de Masser geschliffa,
    do meent doas zweete: Jetzt zugegriffa,
    hier hilft erscht kee Aber und kee Wenn, mer nahma a baale bei a Benn,
    ees nimmt a beim linka, ees nimmt a beim rechta,
    wir beede haln a, ihr beede stecht a.

    Do wurd dam Kolle Angst und bange,
    a loag und woand sich wie ne Schlange.
    Ar griff noch dar Lompe, a griff nochm Tochte, a flug ausm Pochte.
    Und wie a nabern Bette loag, so wurd a munter und derschroack.
    Nee, ducht a, nee, kunnts taelscher sein,
    ma kun e jitzt schun Blutwurscht sein.
    A griff oan de Uhrn, a griff oan de Beene. –
    Nee, Gott sei Dank, ar woar noch keene

    Feiste Bücher 70, vorgelesen: „Arbeit am Körper“ von Daniel Schreiber, aus: „Allein“

    „Alle psychische Arbeit fängt mit dem Körper an“, schreibt der Berliner Autor Daniel Schreiber. Sein Buch „Allein“ ist für mich eines der Bücher des Jahres, ein erhellender Begleiter in unserer Zeit. In acht Essays spürt er dem Gefühl des Alleinseins nach, bleibt sehr bei sich und schreibt doch grundlegende Wahrheiten. Der siebte Essay, überschrieben „Arbeit am Körper“, hat mich besonders angesprochen. Vielleicht steckt ein Impuls für euch drin.

    Einen so persönlichen Essay von jemand anderem einzulesen, ist eine ungewohnte Erfahrung. Ich danke Daniel für sein Vertrauen, mich machen zu lassen, und seinen Verlagen für die Genehmigung.

    „Allein“ von Daniel Schreiber ist bei Hanser Berlin erschienen. Das Hardcover hat 160 Seiten und kostet 20 Euro.

    Wenn ihr neugierig geworden seid und lieber zuhören wollt als lesen: Daniel hat sein Buch komplett eingelesen. Es ist als MP3-Hörbuch Download erhältlich, seine Stimme begleitet euch gut 238 Minuten. Es ist von Fine Voices produziert und der Download kostet 9,95 €.

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