Feiste Bücher 71: Meine Oma, eine Geschichtenerzählerin

Meine Oma war bekannt für ihr Strickkünste (s. Foto). Aber sie war eine mindestens ebensogute Geschichtenerzählerin und -sammlerin (hört die Folge;-). Sie konnte beobachten. Oft selbst zurückgenommen hat sie viel mitbekommen. Man konnte sich ihr gut anvertrauen, denn sie hatte immer ein offenes Ohr und viel Verständnis. Da hat sie oft meinen Opa zitiert, den ich selbst nicht kennen gelernt habe, für den ein wichtiges Credo war: Leben und leben lassen!

Und sie war für jeden Spaß zu haben. Wie ihr auf dem Foto vielleicht ahnt. Ihre Augen waren zunehmend licht- und windempfindlich und so trug sie bei ihren Spaziergängen mit dem Rollator die alte Fahrradbrille meines Vaters und oft einen Hut, was ihr etwas Verwegenes gab — und was viel mehr von ihr einfing, als manche ahnten.

Sie hat lange gelebt. 99 2/3 Jahre. Weihnachten ist sie gestorben. Diese Folge ist ihr gewidmet, meiner Oma Klara Feist. Sie wird darin auch selbst zu Wort kommen.

Das schlesische Mundart-Gedicht „Dar Biese Troom“, das sie in dieser Folge frei rezitiert, ist von Ernst Schenke. Hier ist der Text:

Dar biese Troom

Grusses Schlachtfest woar gewast.
Endlich is der Obend do, olle Kotza wur a groo
und der Kolle kruch eis Nast.
Vullgesackt sei Baeuchla waor, denn a hatte gutt gestuppt
Wellfleisch, Wellwurscht, Plimpelwurscht,
viel getrunka und gesuppt.
Wies halt ies ei sichta Taga, obends leit em olls eim Maaga.
Kolles Maaga dar woar vul und dem Kolle woar ne wuhl.
De Nacht woar schworz wie Pech und Room,
a Kaeuzla uffm Dache rief und wie der Kolle endlich schlief,
do hot ar goar nen biesa Troom:

Ging der Wind eim Ufariehre, kloopt woas on de Stubatiere?
Koama lauter – ees, zwee, drei – lauter fette Schweinla rei,
’s woar a ganzes Uufgebote, hoatte lange Masser miete,
lauter Schweinla, lauter fette, koama uff zwee Benn geloofa,
koama olle bis oans Bette, wu dar Kolle und toat schloofa.
Zeigta blanke Masserklinga, finga olle on zu singa:
Kolle, Kolle, Kolle, Kolle, Kolle jitzt werscht du geschlacht‘
und aus dir werd Wurscht gemacht.

Jitzt fing doas erschte on zu sprecha:
Nuck, nuck, mer warn a bale stecha.
Und wie doas erschte und hoatta geredt,
do meente doas zweete, ar is hibsch fett,
do daecht icht wull, is waer doas beste,
mer machta Wurscht und zwoar gepresste.
Do sproach doas dritte: sis gutt, surgt ok ver Blutt, surgt ok Ver Blutt.
Doas erschte sproach: Woas mach denn aber
mit dann Nierlan und mit der Laber?
Do sproch doas zweete: Doas macht keene Miehe,
doas kimmt olles ei de Briehe.
Dann sproch das dritte: Macht kee Gelaerme, macht kee Gelaerme,
surgt ok ver Daerme, surgt ok ver Daerme.
Do finga se olle zu grunze oan, Faerme werd a wull salber hoan.
Do sproch doas erschte: mer wern ins setza,
Masser wetza, Masser wetza.
Und wie se und hoatta de Masser geschliffa,
do meent doas zweete: Jetzt zugegriffa,
hier hilft erscht kee Aber und kee Wenn, mer nahma a baale bei a Benn,
ees nimmt a beim linka, ees nimmt a beim rechta,
wir beede haln a, ihr beede stecht a.

Do wurd dam Kolle Angst und bange,
a loag und woand sich wie ne Schlange.
Ar griff noch dar Lompe, a griff nochm Tochte, a flug ausm Pochte.
Und wie a nabern Bette loag, so wurd a munter und derschroack.
Nee, ducht a, nee, kunnts taelscher sein,
ma kun e jitzt schun Blutwurscht sein.
A griff oan de Uhrn, a griff oan de Beene. –
Nee, Gott sei Dank, ar woar noch keene

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